Der Herzog von M****

Vor langer Zeit, als ich bei Sotheby's arbeitete, dem Kunst-Auktionshaus, brachten zwei undurchsichtig wirkende Schweizer einen prähistorischen Goldschatz: Halsketten, Armreifen, Haarspangen, Broschen. Sie behaupteten, daß er aus Mitteleuropa komme, aber ich wußte, daß er iberischen Ursprungs war. Wir gaben ihnen eine Empfangsbestätigung, und sie gingen davon.

In der Bibliothek hatten wir ein Buch über iberische Vorgeschichte. Ich fand mehrere der Objekte darin abgebildet, als Besitzer wurde eine Fundacion Don Juan de Valencia in Madrid angegeben. Mit Hilfe der internationalen Telefonvermittlung kam ich zu der Stiftung durch und fragte, ob ich den Kurator sprechen könne.

"Sie haben das Gold?" rief er mit erregter Stimme. "Das ist wunderbar! Es ist uns gestohlen worden. Bewahren Sie es auf. Wir werden Interpol benachrichtigen...Entschuldigen Sie, wie, sagten Sie, war ihr Name, Cha...? Cha...? Chatwin! Wir werden uns mit Ihnen in Verbindung setzen. Vielen Dank!"

Am nächsten Morgen gegen elf rief mich die Empfangsdame an und sagte, der Herzog von M**** warte auf mich.

Er war ein weißhaariger Grande der alten Schule. er trug den schwarzen Hut, den nur ein Grande tragen kann. Ich führte ihn in einen Warteraum und holte das Gold aus dem Safe.

Zitternd vor Aufregung nahm der Herzog von M**** die Objekte eines nach dem anderen in die Hand. Nichts fehlte.

"ich kann Ihnen nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin", sagte er. "Sie können sich nicht vorstellen, was ich durchgemacht habe. Diese Schweizer gaben sich als Archäologen aus, und wir gestatteten ihnen, sich die Sammlung anzusehen. Sie haben sie gestohlen. Ich bin verantwortlich für die Stiftung. Ich wäre in eine schreckliche Lage geraten, wenn das Gold nicht gefunden worden wäre."

Wir kamen überein, den Schatz wieder in den Safe zu legen und die Anweisungen von Interpol abzuwarten.

Der Herzog von M**** gab mir seine Visitenkarte und bat mich, ihn zu besuchen, sobald ich nach Madrid käme.

Auf dem Weg nach draußen kamen wir am Präsidenten von Sotheby's vorbei, der gerade mit einem Experten für spanische Malerei sprach. Ich sah, wie der Experte dem Präsidenten etwas zuflüsterte, der daraufhin herbeieilte und sich vorstellte.

"Ich habe immer wieder von Ihrer wunderbaren Gemäldesammlung gehört..."

"Immer wieder" bedeutete: vor dreißig Sekunden.

"Dann kommen Sie doch und sehen Sie sich die Bilder an", sagte der Herzog von M****.

Er holte eine zweite Visitenkarte aus seiner Brieftasche:"Wann immer Sie nach Madrid kommen, wird es mir ein Vergnügen sein, Sie zum Lunch einzuladen."

Mehrere Jahre vergingen. Ich verließ Sotheby's - Smootherboys, wie ein Freund es gern nennt. Einen Winter lang zog ich durch die westliche Sahara. Im April kam meine Frau, und wir reisten gemeinsam zwei Wochen durch Marokko.

Auf der Startbahn in Casablanca stand die Caravelle der Royal Air Maroc, die uns nach Paris bringen sollte, wo wir einen Anschlußflug nach London hatten. Aber es stand auch ein Jet der Iberia dort, der zwanzig Minuten früher nach Madrid abfliegen sollte.

"Schnell" sagte ich zu Elisabeth. "Laß uns in den Prado gehen und Bilder ansehen."

Das Flughafenpersonal brachte uns in aller Eile an Bord.

Es war kalt in Madrid. Wir wohnten in einem schäbigen kleinen Hotel und froren. Am nächsten Morgen rief ich den Herzog von M**** an, um ihn zu fragen, ob ich die Don-Jan-de-Valencia-Stiftung besichtigen könnte.

"Sie müssen zum Lunch kommen", sagte der Herzog von M****. "Wäre es Ihnen heute möglich?"

"Ich glaube nicht", sagte ich."Wir kommen gerade aus der marokkanischen Wüste und haben nichts Ordentliches zum Anziehen."

"Wir werden etwas für finden. Wir erwarten Sie um Viertel vor eins."

Wir drückten auf die Klingel. Der Butler führte uns in getrennte Schlafzimmer. In meinem fand ich eine Auswahl grauer Anzüge, eine Reihe schwarzer Schuhe, Hemden, Socken, Manschettenknöpfe und silberner Seidenkrawatten.

Ich war schmutzig. ich wusch mich und zog mich um. Der Gedanke, das Waschbecken zu verdrecken, war mir schrecklich. ich traf Elisabeth im Flur. Sie trug ein smaragdfarbenes Kleid von Balenciaga. Wir gingen hinein und gesellten uns zu den anderen Gästen.

Im Salon hingen mehrere Gemälde von Goya, und im Speisezimmer befand sich eine wunderbare Serie von Guardis. Das Gespräch war geistreich, das Essen köstlich. Nachdem ich drei Monate mit den Fingern gegessen hatte, ließen meine Tischmanieren zu wünschen übrig.

"Ich habe Sotheby's verlassen", sagte ich zu dem Herzog von M****.

"Das freut mich zu hören", sagte er lächelnd. "Wir haben eine äußerst unangenehme Erfahrung mit einem Angehörigen des Hauses gemacht. Ich glaube, er hieß Wilson.

Er rief an und fragte, ob er meine Sammlung sehen könne. Natürlich habe ich ihn nach unserer angenehmen Erfahrung zum Essen eingeladen. Doch er begann mir zu erzählen, welche Summe meine Guardis bei einer Versteigerung erzielen würden. ich mußte ihm die Tür weisen."

"Mitten beim Essen?"

"Ja."

"Sagen Sie", fragte ich,"hat Interpol die Diebe gefaßt?"

"Ja."

Anschließend gingen wir in unserer geborgten Kleidung - die wir noch drei weitere Tage borgten - zum Haus einer sehr alten Dame, die unter den Gästen gewesen war.

Sie war eine berühmte Kunsthistorikerin und Expertin für Zurbaran. Sie führte uns in ihr Schlafzimmer. Die Wände waren weiß. Ein Himmelbett mit einem weißen Überwurf, doch ohne Vorhänge. Ein Kruzifix. Auf dem Nachttisch ein Rosenkranz und ein Brevier. An der Wand dem Bett gegenüber hing ein Tafelgemälde, ein Meter zwanzig im Quadrat: El Grecos Schleier der heiligen Veronika.

1988


"Aus: Was mache ich hier"



Besuch bei Ernst Jünger

... Tatsächlich hat seine Gelehrsamkeit titanische Ausmaße; er ist unerschütterlich in seiner einzigartigen Zielstrebigkeit, und noch mit fünfundachtzig fährt er fort, sich mit Themen zu beschäftigen, die seine Aufmerksamkeit über sechzig Jahre lang beansprucht haben. Er ist - oder war - Soldat, Ästhet, Romantiker, Essayist, der Ideologe einer autoritären politischen Bewegung und ein in der Taxonomie bewanderter Botaniker. Sein Hobby war Zeit seines Lebens das Studium der Etomologie: was für Nabokov der Schmetterling war, ist für Jünger der Käfer - vor allem der Schildkäfer. Auch ist er erfahren im Umgang mit Halluzinogenen - zusammen mit seinem Freund Albert Hofmann, dem Entdecker der Lysergsäure, hat er eine Anzahl "Trips" genommen.

Er schreibt eine harte, klare Prosa. Vieles hinterläßt beim Leser den Eindruck von unerschütterlicher Selbstachtung des Autors, von Dandytum, von Kaltblütigkeit und letzten Endes von Banalität. Doch noch in den uninteressanten Passagen leuchten plötzlich aphoristische Genieblitze auf, und die quälendsten Beschreibungen werden durch eine Sehnsucht nach menschlichen Werten, in einer entmenschlichten Welt gemildert. Das Tagebuch ist die vollendete Form für einen Mann, der eine dermaßen scharfe Beobachtungsgabe mit einer anästhesierten Sensibilität in sich vereinigt.

In Stahlgewittern machte ihn zum Helden einer Generation junger Offiziere, die alles gegeben hatten und am Ende bestenfalls das Eiserne Kreuz davontrug. Gide pries es als " das schönste Kriegsbuch, das ich je las". Tatsächlich ähnelt es keinem Buch der damaligen Zeit - keine Spur von den pastoralen Meditation eines Siegfried Sassoon oder Edmund Blunden, kein Anflug von Freiheit wie bei Hemingway, kein Masochismus wie bei T. E. Lawrence und kein Mitleid wie bei Remarque.

Bis zur Mitte der dreißiger Jahre schrieb Jünger Essays, reist in die Tropen und betrachtete mit kaltem Blick das Vaterland. 1944, zum Zeitpunkt des Komplotts der Generäle, scheint er mit dem Gedanken an Widerstand gegen Hitler gespielt zu haben, und eines Abends traf er sich in seinem Haus in Überlingen am Bodensee mit einem patriotischen jungen Aristokraten, Heinrich von Trott zu Solz (dessen älterer Bruder, Adam, ein ehemaliger Rhodes-Stipendiat und Freund Englands, wegen seiner Beteiligung am Attentat von Stauffenbergs im Juli 1944 gehenkt werden sollte). Was zwischen ihnen vorging, berichtete Jünger nicht. Fest steht jedoch, daß er diesem Buch die Idee zu einer Geschichte verdankte.

Auf den Marmorklippen ist eine allegorische Erzählung, in einem eisigen, humorlosen und doch glänzend farbigen Stil geschrieben, der den Décandents des neunzehnten Jahrhunderts wie auch den skandinavischen Sagas einiges schuldet. Das Ergebnis ist eine Prosa, die einem glänzenden Jugendstilobjekt entspricht...

Fünfunddreißigtausend Exemplare waren verkauft, bevor Auf den Marmorklippen Anfang 1940 verboten wurde.

Wie es durch die Masche von Dr. Goebbels' Zensurmaschine schlüpfen konnte, ist weniger rätselhaft, wenn man bedenkt, daß das Modell für Braquemart Dr. Goebbels selbst war, der sich geschmeichelt fühlte und amüsiert war - bis ihn die große Beliebtheit des Buches bei der Offizierskaste alarmierte. Jünger selbst erklärte damals - wie auch heute noch -, die Fabel sei nicht eigentlich antinazistisch, sondern "über all dem erhaben". Und ich bezweifelte nicht, daß er sie als eine verachtungsvolle, mitreißende spenglerische Aussage über die Zerstörung der alten, vom Mittelmeer ausgehenden europäischen Kultur konzipierte: Der Oberförster konnte notfalls sowohl für Stalin als auch für Hitler stehen.

Mein Besuch bei Jünger vor fünf Jahren war ein merkwürdiges Erlebnis. Mit achtzig Jahren hatte er zwar schneeweißes Haar, aber den Schwung eines äußerst lebhaften Schuljungen. Sein Lachen war leicht und gackernd, und wen er nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, neigte er zu Zerstreutheit. Er hatte kurz zuvor ein Buch über seine Experimente mit Drogen veröffentlicht, vom ersten Inhalieren von Äther bis zu LSD, und er plante die Veröffentlichung eines umfangreichen Romans mit dem Titel Eumeswil. Das Erdgeschoß des Hauses war mit Biedermeiermöbeln eingerichtet, mit Tüllgardinen und weißen Kachelöfen; es wurde von seiner zweiten Frau bewohnt, einer Archivarin von Beruf, die sich textkritisch mit Goethes Werken beschäftigte. Jüngers eigenes Quartier im ersten Stock hatte das spartanische Aussehen eines Soldatenbunkers, mit Vitrinen für seine Käfer auf dem Treppenabsatz und einem Meer von Erinnerungsstücken - Fossilien, Muscheln, Helmen aus beiden Weltkriegen, Tierskeletten und einer Sammlung von Sanduhren (1954 schrieb er Das Sanduhrenbuch - eine philosophische Meditation über das Vergehen von Zeit).

Wenn ich gehofft hatte, er würde mir weitere Erinnerungen von Paris während der Besatzung mitteilen, so wurde ich enttäuscht. Er beantwortete meine Frage, indem er schlicht Auszüge aus seinem Tagebuch zitierte, wenn er auch gelegentlich zum Aktenschrank eilte und mit irgendeiner pièce justificative zurückkam. Eine davon war ein Brief seines Freundes Henri de Montherlant, der eine Bemerkung Tolstois zitierte: "Es hat keinen Sinn, einen großen Schriftsteller zu besuchen, denn er ist in seinem Werk verkörpert." Da ich an Montherlant interessiert war, konnte ich das Gespräch mit Jünger etwas ausdehnen, und wieder kam er vom Aktenschrank zurück, diesmal eine ziemlich fleckige Fotokopie schwenkend, auf der geschrieben stand:

Le suicide fait partie du capital

de l'humanité.

Ernst Jünger

8. Juni 1972

Dieser Aphorismus Jüngers stammt aus den dreissiger Jahren, und es heißt, daß Alfred Rosenberg einmal gesagt habe: "Es ist ein Jammer, daß Herr Jünger aus seinem Kapital keinen Nutzen zieht." Doch man muß sich die Szene so vorstellen:

Montherlant, an Krebs erkrankt, sterbend, sitzt in seiner Wohnung am Quai Voltaire, umgeben von seiner Sammlung griechischer und römischer Marmorstatuen. Auf seinem Tisch eine Flasche Champagner, ein Revolver, ein Füllfederhalter und ein Blatt Papier. Er schreibt:

"Le suicide fait partie..."

Peng!

Die Flecken waren fotokopiertes Blut.


"Aus: Was mache ich hier"



Über Chatwin

Wer war Bruce Chatwin?

"Mit Bruce Chatwin zusammen zu sein war in der Regel gleichbedeutend damit, ihm ein williger Zuhörer zu sein. Seine Gedanken bewegten sich etwa auf der Höhe des Mount Everest (wir waren auf halber Höhe am Ayers Rock, und ich war halbtot und schon ganz violett angelaufen, als er beiläufig erwähnte, er sei kürzlich sogar bis zum Basislager oben am Mount Everest aufgestiegen), aber schon im nächsten Augenblick vertiefte er sich mit der gleichen atemberaubenden Geschwindigkeit in eine Diskussion über die zahlreichen Krankheiten, die man sich bei den verschiedenen europäischen und afrikanischen Huren holen kann. Er war ein großartiger Geschichtenerzähler mit der Unerschöpflichkeit einer Scheherazade, der es liebte, beiläufig alle möglichen Namen zu erwähnen, und offensichtlich alle möglichen esoterischen Texte verschlungen hatte, ein wahrhaft gelehrter Zigeuner, ein großartiger Imitator - seine Version von Frau Gandhi war wirklich perfekt - und ein Herumalberer von internationalem Rang. Er war ebenso gesprächig wie neugierig und interessierte sich für alles, vom Urspring des Bösen in der Welt bis hin zu der rätselhaften Frage des kleinen Subaru."

Salman Rushdie in Observer 14.5.1989

"Doch als einer dieser Freunde Chatwins muß ich sagen, daß tatsächlich etwas Außerordentliches, Brillantes, Unvergessliches an ihm war. Ich hoffe nur, daß diese Photografien und Auszüge aus seinen Notizbüchern nicht als postumer Beitrag zur Schaffung eines Kultes angesehen, sondern dank ihres immanenten beträchtlichen Werts gewürdigt werden."

Francis Wyndham im Vorwort zu "Bruce Chatwin auf Reisen"

"Dank einer glücklichen Fügung lagen wir auf zwei seiner "Songlines" seiner unentwegten Weltumwanderung: mit einem Haus in der Toskana und einem anderen in Griechenland. Neben dem Haus in der Toskana steht ein Turm, in dem wir unsere Gäste unterbringen. [...] Als er bei uns im Turm an seinem Buch "Auf dem schwarzen Berg" schrieb, kam die Bedienerin, die bei ihm aufräumen sollte, ins Haus zurück und fragte, wie viele Menschen dort untergebracht wären. Niemand anderer als Mr. Chatwin, sagte man ihr. Aber sie hatte mehrere Stimmen gehört, Frauenstimmen, verschiedene Männerstimmen, Kinderstimmen ... Es war Bruce allein gewesen: Er hatte sich ein Gespräch von mehreren Figuren beim Schreiben laut aufgesagt. [...] Dass er sein Interesse genau im Auge hatte, war bei seiner Ambition nicht anders zu erwarten. Er wählte seine Freundschaften bedachtsam, pflegte die einträglichen intensiver als die weniger profitablen, zog die Namhaften den Anomymen, die Reichen den Mittellosen vor; aber das geschah auf die eleganteste Weise, ergab sich von selbst bei einem Verkehr mit Aberhunderten von Personen, Häusern, Institutionen in aller Welt und entsprach am Ende seinen hohen Qualitätsansprüchen; die Aussonderung fand allgemeinen Beifall.(...)"

Gregor von Rezzori in Die Welt, Januar 1989

"Er hat nie das geringste Interesse bekundet, sich zu einem Riesen der Literatur aufzublasen. Trotz glanzvoller Erfolge in jungen Jahren hatte er für die Rollen des major novelist oder des ehrgeizigen Nobelpreisaspiranten nichts übrig. Auch all die anderen albernen Gepflogenheiten der schreibenden Zunft waren ihm fremd. Das macht ihn nicht nur sympathisch, es kennzeichnet vor allem auch seinen Rang. Chatwin hat nie das geliefert, was die Kritiker, die Verleger oder die Leser von ihm erwarteten. Er hatte keine Angst, uns zu enttäuschen, und vermochte uns deshalb auf jeder Seite von neuem zu überraschen. [...]

Trotz seines wachen Gespürs für die Gegenwart hat Chatwins Haltung etwas Altmodisches, und vom europäischen Festland aus betrachtet, wirkt er wie ein Engländer von echtem Schrot und Korn, eine Figur, die heutzutage anscheinend zur Rarität wird. Ohne Zweifel haftet diesem Typus, den die nicht-englische Welt seit jeher so sehr schätzt, etwas Illusionäres an, und im Falle Chatwins auch etwas Paradoxes. Denn das einzige wirklich hartnäckige Vorurteil, auf das man bei diesem Schriftsteller stößt, ist sein aufrichtiger Abscheu vor England.". [...]

Hans Magnus Enzensberger in Süddeutsche Zeitung 23.3.1991

[...] "Bruce Chatwin war in vielerlei Hinsicht der ideale Gefährte: Er war wundervoll unterhaltsam, und im Lügen übertraf er die Odyssee, doch er konnte auch ganz und gar ernsthaft sein. Ich kannte ihn schon viele Jahre, zunächst als Verkäufer oder Experte bei Sotheby's und später, nachdem er das aufgegeben hatte, als Student bei meinem verehrten Freund Stuart Piggot in Edinburgh. Bruce gab Sotheby's auf, weil ihn die Tätigkeit wahnsinnig machte, und er litt unter Blindheitsanfällen, die eine Form von Hysterie darstellen: Jedenfalls langweilte ihn das Geld. Er gab die Archäologie auf, weil in Edinburgh Vorlesungen obligatorisch waren und die Studenten stanken. Ferner ertrug er es nicht, sich anhören zu müssen, es gebe keine Kunstwerke, sondern nur Artefakte. Nun trug er sich mit dem Gedanken, als Dissertation ein umfangreiches Buch über Nomaden und den Wandertrieb zu schreiben. Er beendete es schließlich sogar, doch unter dem quasi zauberischen Einfluß einer jungen Frau, der die Fußnoten nicht gefielen, warf er es ins Feuer und fing von vorne an. Sein Entwicklungsweg als Schriftsteller war ein langer, und erst in Songlines (Traumpfade) verwendete er die Anmerkungen, die einst Grundlage seiner Studien zu den Nomaden gewesen waren."

Aus P. Levi, Im Garten des Lichts, Mit Bruce Chatwin durch Afghanistan

"Er schrieb Postkarten aus dem Himalaja oder aus dem australischen Busch, aus gottverlassenen ostafrikanischen Dörfern oder arabischen Scheichtümern und natürlich aus London, wo er lebte, wenn er nicht unterwegs war. Nun, da Bruce Chatwin tot ist, kommt es mir so vor, als sei er immer unterwegs gewesen. Dennoch war er kein Gehetzter, den es umtrieb, weil er es zu Hause nicht aushalten konnte; er war kein Flüchtling, kein Atemloser, kein Solipsist und kein Länderfresser, der die Kontinente abhakte, um sie nie wieder zu betreten, und er war auch kein professioneller Abenteurer.

Wenn man ihn traf, hatte man eher einen britischen Gentleman vor sich mit dandyhaften Zügen: er sprach das beste Oxford-Englisch, war auf unaufdringliche Weise gebildet, witzig, höflich und unterhaltsam auch dann, wenn ihn die Gesellschaft eigentlich hätte anöden müssen. Da er auch noch geradezu unverschämt gut aussah, war er natürlich immer der Mittelpunkt, everybody´s darling, Glanzstück jeder Party."

Michael Krüger in Bogen 27, Carl Hanser Verlag


"Erinnerungen an Bruce Chatwin"