Bruce Chatwin: Auf dem schwarzen Berg

 

In diesem Buch erzählt Bruce Chatwin von dem merkwürdigen, geradezu archaischen Leben der beiden Zwillingsbrüder Lewis und Benjamin Jones auf dem elternlichen Bauernhof in Wales. Bestimmt vom Rhythmus der Jahreszeiten, der Landschaft, der Arbeit, hat ihr Dasein eine Gewissheit, die durch niemanden und nichts zu erschüttern ist. In einer Art Unschuld kehren sie dem modernen Zeitalter den Rücken.

 

So geht das Buch los:"

Die früheste Erinnerung der Zwillinge - eine gemeinsame, für beide gleichermaßen starke Erinnerung - war der Tag, an dem sie von der Wespe gestochen wurden. Sie hockten auf hohen Kinderstühlen am Teetisch. Es mußte zur Teezeit gewesen sein, denn die Sonne strömte von Westen ins Zimmer, prallte vom Tischtuch ab und blendete sie. Das Jahr mußte bereits weit vorangeschritten sein, vielleicht war es Oktober, wenn die Wespen schläfrig werden. Draußen vor dem Fenster schwebte eine Elster am Himmel, und rote Vogelbeerdolden schlugen im Wind hin und her. Drinnen glitzerten die gebutterten Brotscheiben in der Farbe von Primeln. Mary löffelte Eigelb in Lewis' Mund, und Benjamin wedelte in einem Anfall von Eifersucht mit den Händen, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, als seine linke Hand auf die Wespe traf und gestochen wurde. Mary suchte im Arzneischränkchen nach Watte und Ammoniak, betupfte die Hand, und als sie anschwoll und scharlachrot wurde, sagte sie besänftigend: "Sei tapfer, kleiner Mann! Sei tapfer!"

Aber Benjamin weinte nicht. Er schürzte nur die Lippen und blickte mit seinen traurigen grauen Augen seinen Bruder an. Denn nicht er, sondern Lewis wimmerte vor Schmerz und strich über seine linke Hand, als wäre sie ein verwundeter Vogel. Er schluchzte noch, als sie zu Bett gebracht wurden. Erst als sie einander in den Armen hielten, schlummerten die Zwillinge ein - und von da an brachten sie Eier mit Wespen in Verbindung und mißtrauten allem Gelben.

Es war das erstemal, daß Lewis seine Macht demonstrierte, seinen Bruder von Schmerz zu befreien und ihn auf sich zu nehmen. Er war der stärkere Zwilling und der erstgeborene. Um zu zeigen, daß er der Erstgeborene war, hatte Dr. Bulmer ein Kreuz in sein Handgelenk geritzt, und schon in der Wiege war er der Stärkere. Er hatte keine Angst vor Dunkelheit oder vor Fremden. Er liebte es, mit den Schäferhunden herumzutollen. Eines Tages,

als niemand in der Nähe war, zwängte er sich durch die Kuhstalltür, und Mary fand ihn ein paar Stunden später, wie er dem Bullen etwas vorplapperte.

 

Benjamin dagegen war ein schrecklicher Feigling, der am Daumen lutschte, schrie, wenn er von seinem Bruder getrennt war, und ständig Alpträume hatte, in denen er in eine Häckselmaschine geriet oder von Zugpferden zertrampelt wurde. Doch wann immer er sich wirklich verletzte, wenn er in Brennesseln fiel oder sein Schienbein aufgeschlagen hatte, dann war es Lewis, der statt seiner weinte. Sie schliefen in einem Rollbett, in einem Zimmer mit niedrigem Gebälk oben an der Treppe, in dem sie nach einer anderen frühen Erinnerung eines Morgens aufwachten und feststellten, daß die Decke einen ungewöhnlichen Grauton hatte. Sie spähten nach draußen und sahen den Schnee auf den Lärchen und die Schneeflocken, die in Spiralen vom Himmel herabwirbelten. Als Mary in ihr Zimmer kam, um sie anzuziehen, lagen sie wie Knäuel zusammengerollt

am Fußende des Bettes. "Seid nicht albern", sagte sie. "Das ist doch nur Schnee." "Nein, Mama", kamen zwei gedämpfte Stimmen unter der Bettdecke hervor. "Gott spuckt."

 

Von den sonntäglichen Fahrten nach Lurkenhope abgesehen, war ihr erster Ausflug in die Außenwelt ein Besuch der Gartenschau von 1903, bei dem das Pony vor einem toten Igel scheute, der auf dem Weg lag, und ihre Mutter den ersten Preis für grüne Bohnen gewann. Noch nie hatten sie so viele Menschen gesehen, und sie waren verwirrt über die Rufe, das Lachen, die flattern-den Zeltplanen und das klirrende Pferdegeschirr und die Fremden, die sie in der Ausstellung auf der Schulter reiten ließen. Sie trugen Matrosenanzüge, und mit ihren ernsten grauen Augen und der schwarzen Ponyfrisur hatten sie sehr schnell einen Kreis von Bewunderern angezogen. Sogar Colonel Bickerton kam zu ihnen. "Ho! Ho! Meine hübschen kleinen Matrosen!" sagte er und kraulte sie sanft unter dem Kinn. Später nahm er sie auf eine Spritztour in seinem Phaeton mit, und als er sie nach ihren Namen fragte, antwortete Lewis Benjamin, und Benjamin antwortete Lewis. Dann waren sie verschwunden.

Um vier Uhr war Amos davongegangen, um beim Tauziehen für Rhulen mitzumachen, und da Mary sich für das Eierlaufen der Frauen angemeldet hatte, ließ sie die Zwillinge in der Obhut von Mrs. Griffiths Cwm Cringlyn zurück. Mrs. Griffiths war eine riesige rechthaberische Frau mit glänzendem Gesicht, die selbst Zwillingsnichten hatte und sich als Sachverständige aufspielte. Sie stellte die Jungen nebeneinander, untersuchte sie von oben bis unten, bis sie hinter Benjamins rechtem Ohr einen winzigen Leberfleck fand. "Da haben wir's!" rief sie laut aus. "Ich habe einen Unterschied gefunden!" - worauf Benjamin seinem Bruder einen verzweifelten Blick zuwarf,

dieser seine Hand ergriff und beide durch die Beine der Zuschauer wegtauchten und sich im Festzelt versteckten.

Sie versteckten sich unter einem Tisch auf Böcken mit einer langen Tischdecke darüber, unter den preisgekrönten Eierkürbissen, und der Anblick all der Damen- und Herrenfüße war ihnen beiden ein solches Vergnügen, daß sie sich so lange versteckt hielten, bis sie ihre Mutter immer wieder rufen hörten mit einer Stimme, die gebrochener und ängstlicher klang als das Blöken eines Mutterschafs. Auf dem Heimweg saßen sie zusammengekauert hinten im Einspänner und besprachen ihr Abenteuer in ihrer Geheimsprache. Und als Amos sie anschnauzte: "Wollt ihr wohl mit dem Unsinn aufhören?", piepste Lewis: "Das ist kein Unsinn, Papa. Das ist die Sprache der Engel. Wir sind mit ihr geboren worden."

Mary versuchte, ihnen den Unterschied zwischen mein und dein einzupauken. Sie kaufte ihnen Sonntagsanzüge, aus grauem Tweed für Lewis und aus blauem Serge für Benjamin. Sie hatten sie keine halbe Stunde an, als sie sich davonschlichen und mit ausgetauschten Jacken zurückkamen. Sie bestanden darauf, alles zu teilen. Sie halbierten sogar ihre Butterbrote und tauschten die Hälften aus.

Einmal bekamen sie zu Weihnachten einen flauschigen Teddybären und einen Humpty-Dumpty aus Filz geschenkt, und am Nachmittag des zweiten Weihnachtstags beschlossen sie, den Teddy auf einem Feuer zu opfern, und konzentrierten ihre Liebe auf The Dump. The Dump schlief auf ihrem Kopfkissen, und sie nahmen ihn auf ihre Spaziergänge mit. Im März jedoch, an einem grauen stürmischen Tag, als Weidenkätzchen an den Zweigen waren und Schneematsch auf den Wegen lag, kamen sie zu dem Schluß, daß auch er sich zwischen sie gedrängt hatte. Und als Mary ihnen einen Augenblick den Rücken kehrte, legten sie ihn auf den Steg und stießen ihn in den Bach. "Guck mal, Mama", riefen sie: Zwei steinerne Gesichter spähten über das Geländer auf das schwarze Ding, das stromabwärts hüpfte. Mary sah, wie sich The Dump in einem Strudel verfing und an einem Zweig hängen blieb. "Bleibt hier", rief sie und stürzte davon, um ihn zu retten, rutschte aber aus und wäre beinahe in das schäumende braune Wasser gefallen. Bleich und zerzaust lief sie zu den Zwillingen und umarmte sie. "Macht nichts, Mama", sagten sie. "Wir mochten The Dump sowieso nie leiden."

Ebensowenig mochten sie im Herbst darauf ihr neues Schwesterchen Rebecca leiden. Sie hatten ihre Mutter geplagt, sie solle ihnen eine kleine Schwester schenken, und als sie endlich da war, kletterten sie die Treppe zum Schlafzimmer hinauf, jeder einen mit Wasser gefüllten Eierbecher mit einer kupferfarbenen Aster in der Hand. Sie erblickten ein grimmiges rosa Geschöpf, das in Marys Brust biß. Sie ließen ihre Gaben fallen und stürzten die Treppe hinunter.

"Schick sie weg", schluchzten sie. Einen ganzen Monat lang fielen sie in ihre Geheimsprache zurück, und sie brauchten ein Jahr, um die Gegenwart ihrer Schwester zu tolerieren. Eines Tages, als Mrs. Griffiths Cwm Cringlyn zu Besuch kam, sah sie, wie sie sich von Krämpfen geschüttelt in der Küche auf dem Fußboden krümmten. "Was ist mit den Zwillingen los?" fragte sie erschrocken. "Beachten Sie sie gar nicht", sagte Mary. "Sie spielen Kinderkriegen." Im Alter von fünf Jahren halfen sie bei der Hausarbeit, kneteten den Brotteig, formten die Butterscheiben und strichen den Zuckerguß über einen Biskuitkuchen. Vor dem Schlafengehen belohnte Mary sie mit einem Märchen der Brüder Grimm oder von Hans Christian Andersen: ihr Lieblingsmärchen war das von der Seejungfrau, die im Palast des Meereskönigs auf dem Meeresgrund lebte.

Mit sechs konnten sie ohne fremde Hilfe lesen. Aber Amos Jones mißtraute Bücherwissen und fuhr Mary an, sie solle "die Kinder nicht verweichlichen". Er gab ihnen Vogelrasseln und ließ sie allein im Haferfeld zurück,

damit sie die Ringeltauben verjagten. Er ließ sie das Hühnerfutter mischen und das Geflügel für den Markt rupfen und ausnehmen. Bei schönem wie bei schlechtem Wetter setzte er sie auf sein Pony, einen nach vorn und den anderen dahinter, und ritt mit ihnen um die Herde auf dem Berg. Im Herbst sahen sie zu, wie die Mutterschafe gedeckt wurden - fünf Monate später wohnten sie der Geburt der Lämmer bei. Sie hatten immer ihre Nähe zu Zwillingslämmern gespürt. Wie Lämmer spielten auch sie Hüpfspiele, und an einem windigen Morgen, als Mary gerade die Wäsche aufhängte, krochen sie unter ihre Schürze, stießen ihre Köpfe gegen ihre Schenkel und gaben Töne von sich, als saugten sie an einem Euter.

"Das geht nicht, ihr beiden", lachte sie und schob sie beiseite. "Geht und sucht euren Großvater!"